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GEONETZ - Aktuell

Seismische Durchleuchtung eines verschwundenen Gebirges - Eine Tomographie der Oberpfalz

Am 12. April beginnt im Tiefenlaboratorium des GeoForschungsZentrum Potsdam an der Kontinentalen Tiefbohrung (KTB), Windischeschenbach, ein Experiment zur seimischen Erkundung des Oberpfälzer Untergrundes. Mit sprengseismischen Methoden soll hier die Entstehung von Gebirgen und die Architektur der Erdkruste untersucht werden.
Grafik: GFZ-Potsdam

Dort, wo sich heute eine sanfte Hügellandschaft erstreckt, erhob sich vor über 300 Millionen Jahren ein gewaltiges Gebirge, dessen Gipfel heute abgetragen sind, dessen Wurzel aber in den beiden KTB-Bohrungen mit 4000 bzw. 9101 m Bohrtiefe nachgewiesen wurden. Die erbohrten Reste dieses Gebirges gleichen einer gigantischen Knautschzone im Untergrund, die heute noch über den Zusammenstoß des afrikanischen und europäischen Kontinents Auskunft geben. Das dabei aufgetürmten Berge, die Europäischen Varisziden, sind auf der Erdoberfläche fast vollständig verschwunden, die Spuren im Untergrund sollen jetzt in einem großen internationalen Forschungsprojekt näher untersucht werden. Das Institut für Geowissenschaften der Universität Kiel und das GeoForschungs-Zentrum Potsdam (GFZ) koordinieren die Meßkampagne, aber auch Institute aus den USA, aus Japan und China sind beteiligt, sowie die Universität München und die Geowissenschaftlichen Gemeinschaftsaufgaben Hannover. Den Rahmen für dieses internationale Geo-Projekt bildet das Internationale Forschungsbohrprogramm ICDP (International Continental Scientific Drilling Program). Dem GFZ obliegt die organisatorische, logistische und wissenschaftlich-technische Unterstützung der ICDP-Projekte und damit auch die organisatorische Planung und operative Durchführung dieses Experimentes.

Nirgendwo sonst auf der Welt existieren zwei tiefe Bohrungen mit 4000 und 9101 m Bohrtiefe direkt nebeneinander. Die KTB-Lokation ist daher besonders geeignet, um mithilfe eines Seismometers, das im Hauptbohrloch in festgelegten Schritten abgesenkt wird, den Untergrund zu erkunden. Das Verfahren namens VSP (Vertikal-Seismisches Profil) beruht auf der Aufzeichnung von Schallwellen, die mithilfe kleinerer seismischer Sprengungen von der Oberfläche in den Untergund geschickt werden. Die Signale der Echos gleichen einer Tomographie der Gebirgsstrukturen in der Tiefe. Diese Strukturen wiederum geben Auskunft über die Entstehung, aber auch den Abbau der Varisziden. Daraus lassen sich allgemeine Erkenntnisse über Gebirgsbildungen und die Struktur der Erdkruste gewinnen.

Bereits heute weiß man aus den Ergebnissen der beiden KTB-Bohrungen, daß in etwa sieben Kilometern Tiefe eine SE1 genannte Störungszone liegt, die erstmals vor 320 Millionen Jahren aktiv war. Vor 70 bis 80 Millionen Jahren wurde diese Zone reaktiviert, verbunden mit einer Hebung um drei Kilometer innerhalb eines geologisch sehr kurzen Zeitraumes von etwa einer Million Jahren, ein dramatischer Vorgang in der Erdkruste.

In je 30 Bohrungen von zwanzig bis dreißig Metern Tiefe werden rund 170 mal Sprengladungen von zwei Kilogramm Sprengstoff gezündet. Diese ungefährlichen Detonationen ergeben ausreichend viele Echos im Gestein, die vom Seismometer im Bohrloch aufgenommen werden. Dazu wird das Seismometer sukzessiv von 8500 bis auf 3000 Metern heraufgefahren – eine solche Tiefe ist ein Weltrekord. Auch das Meßgerät selbst ist eine Weltneuheit. Diese Spezialanfertigung für das GFZ Potsdam hält Temperaturen von 250 Grad Celsius und Drücke von 130 Mega-Pascal (1300 ”Atmosphären”) aus. Die Meßkampagne soll bis zum 27. April dauern. Eine zweite Phase, in der mit einer Vielquellenanordnung (MSP: Multiple Source Profiling) die gewonnenen Daten weiter verdichtet werden, soll im frühen Herbst dieses Jahres beginnen. Dann, so erwarten die Geowissenschaftler, liegt ein hochaufgelöstes, dreidimensionales Bild einer Gebirgsbildung vor ihnen.

Quelle:

GeoForschungsZentrum Potsdam
Öffentlichkeitsarbeit
Telegrafenberg
D- 14473 Potsdam
Telefon 0331 - 288 - 1040
Fax: 0331 - 288 - 1044
e-mail: ossing@gfz-potsdam.de
Ansprechpartner: Franz J. Ossing

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 Letzte Änderung:   12.03.2003  E-Mail:   webmaster@geonetz.de
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